Deep Dive

Zirkuläre Geschäftsmodelle

Zentrale Prinzipien, Product-as-a-Service und ein praxisnaher Einstieg mit dem Circular Business Model Canvas.

Deep Dive: Zirkuläre Geschäftsmodelle

Wertschöpfung neu denken: Produkte, Komponenten und Materialien länger nutzen und im Kreislauf halten.

Orientierung

Warum sind zirkuläre Geschäftsmodelle relevant?

Kreislaufwirtschaft ist nicht nur eine technische Frage von Reparatur, Wiederverwendung oder Recycling. Entscheidend ist, wie Unternehmen mit diesen Strategien langfristig wirtschaftlichen Wert schaffen. Zirkuläre Geschäftsmodelle richten Wertangebot, Erlöse, Produktgestaltung, Partnerschaften und Rückführung so aus, dass Produkte, Komponenten und Materialien möglichst lange genutzt werden.

Fokus

Product-as-a-Service

Der Leitfaden vertieft Product-as-a-Service als transformatives Modell, das Eigentum, Nutzung, Wartung und Rücknahme neu zusammendenkt.

Grundlogik

Drei Hebel für zirkuläre Wertschöpfung

Schließen von Stoffkreisläufen

Produkte, Komponenten und Materialien werden nach ihrer Nutzung wieder in den Wirtschaftskreislauf zurückgeführt. Dies erfolgt beispielsweise durch Wiederverwendung, Refurbishment, Remanufacturing oder hochwertiges Recycling.

Verlängern von Stoffkreisläufen

Die Nutzungsdauer von Produkten wird gezielt erhöht. Unternehmen schaffen zusätzlichen Wert durch langlebiges Produktdesign sowie ergänzende Leistungen wie Wartung, Reparatur oder Aufbereitung.

Intensivieren & Dematerialisieren von Stoffkreisläufen

Die Nutzungsintensität vorhandener Produkte wird erhöht, sodass mit weniger Produkten dieselbe Leistung erbracht werden kann. Darüber hinaus kann der Kundennutzen auch durch den Verkauf einer Funktion anstelle eines physischen Produkts erbracht werden.

Vertiefung

Product-as-a-Service: Vom Produkt zur Nutzung

Das Product-as-a-Service (PaaS) gilt als eines der transformativsten Geschäftsmodelle, weil es nicht nur einzelne Prozessschritte verändert, sondern das gesamte Verhältnis zwischen Hersteller, Produkt und Kund:innen verändert. Beim PaaS verkauft ein Unternehmen sein Produkt nicht mehr gegen eine einmalige Zahlung, sondern bietet die Nutzung des Produkts als Dienstleistung an. Das Eigentum bleibt dabei beim Hersteller oder Anbieter, die Kund:innen zahlen stattdessen eine wiederkehrende Gebühr.

So wird aus einem linearen Erlösmodell, bei dem der Umsatz von der Anzahl verkaufter Produkte abhängt, ein zyklisches Geschäftsmodell mit wiederkehrenden und planbaren Zahlungsströmen. Gleichzeitig bleibt der Hersteller über die gesamte Nutzungsdauer hinweg für die Funktionsfähigkeit des Produkts verantwortlich und stellt Wartung, Reparatur, Ersatzteile sowie weitere Serviceleistungen über einen langen Zeitraum sicher.

PaaS als Anreiz für langlebige und reparierbare Produkte

Eine Studie des Joint Research Centre der Europäischen Kommission stellt am Beispiel von Staubsaugern fest, dass PaaS die effiziente Nutzung von Materialien gegenüber linearen Verkaufsmodellen erheblich verbessern kann.

Da die Produkte nach der Nutzungsphase an den Hersteller zurückgeführt werden, behält dieser die Kontrolle über Material- und Produktströme. Produkte und Komponenten lassen sich dadurch gezielt für Reuse, Refurbishing und Remanufacturing aufbereiten und zugleich können Recyclingprozesse effizienter gestaltet werden. Im Gegensatz zu klassischen linearen Verkaufsmodellen schafft PaaS damit eine Grundlage für geschlossene Stoffkreisläufe und eine werterhaltende Materialnutzung.

Darüber hinaus entsteht für Hersteller ein direkter ökonomischer Anreiz, Produkte möglichst langlebig und werterhaltend zu gestalten. Weil Produkt- und Nutzungsdaten beim Anbieter zusammenlaufen, können zudem Informationen für regulatorische Anforderungen wie den Digitalen Produktpass effizienter erfasst und bereitgestellt werden.

Ressourcenentkopplung gezielt gestalten

Diese Potenziale entfalten sich jedoch nicht automatisch. PaaS reduziert den Ressourcenverbrauch nur dann, wenn das Modell gezielt auf Ressourcenentkopplung ausgelegt ist. Wird es lediglich als alternatives Finanzierungsmodell eingesetzt, ohne Produktdesign, Langlebigkeit, Reparierbarkeit, Rückführung und ressourcenschonende Nutzung mitzudenken, können Rebound-Effekte entstehen, die den Ressourcenverbrauch sogar erhöhen.

PaaS im industriellen B2B-Bereich

PaaS kann sowohl in Business-to-Business (B2B) als auch in Business-to-Consumer (B2C) Märkten eingesetzt werden. Besonders im industriellen B2B-Bereich hat sich das Modell bereits etabliert. Ein häufig angeführtes Beispiel ist der Triebwerkshersteller Rolls-Royce, der bereits 1962 mit seinem Servicekonzept Power-by-the-Hour einen der ersten leistungsbasierten Serviceverträge einführte.

Anstatt Triebwerke ausschließlich zu verkaufen und Wartungsleistungen separat abzurechnen, bietet Rolls-Royce die Bereitstellung und Verfügbarkeit der Triebwerke gegen eine feste Vergütung pro Flugstunde an. Das Grundprinzip besteht darin, die wirtschaftlichen Interessen von Hersteller und Kunde miteinander zu verknüpfen. Nur wenn das Triebwerk zuverlässig funktioniert und das Flugzeug eingesetzt werden kann, erzielen beide Seiten Einnahmen.

Für den Hersteller entstehen dadurch direkte Anreize, Zuverlässigkeit, Langlebigkeit und Wartungsfreundlichkeit kontinuierlich zu verbessern. Präventive Wartung und der gezielte Austausch von Komponenten reduzieren Ausfallzeiten. Gleichzeitig behält Rolls-Royce die Kontrolle über Wartung, Ersatzteile und Materialströme.

PaaS-Angebote im B2C-Bereich

Auch im B2C-Bereich entstehen zunehmend PaaS-Angebote. So bietet das Berliner Unternehmen Grover Unterhaltungselektronik im Abonnement beziehungsweise zur Miete an. Bosch Hausgeräte setzt mit seinem Mietmodell „All-in+“ ebenfalls auf einen nutzungsorientierten Ansatz, bei dem Kund:innen Haushaltsgeräte mieten können.

Gerade im B2C-Bereich ist jedoch zu berücksichtigen, dass Konsument:innen den direkten Produktkauf und einen niedrigschwelligen Zugang häufig noch einer dauerhaften Abhängigkeit vom Anbieter vorziehen.

Welche Produkte eignen sich?

Nicht jedes Produkt eignet sich gleichermaßen für ein PaaS-Modell. In der Literatur wird PaaS im B2B-Bereich typischerweise mit kapitalintensiven Produkten und hochentwickelten Servicekomponenten in Verbindung gebracht. Besonders gut geeignet sind demnach Produkte mit einem hohen Anschaffungswert, einer planbaren und gleichmäßigen Nutzung sowie einer ausreichenden Langlebigkeit und Reparierbarkeit der Kernkomponenten. Hinzu kommt, dass eine bereits bestehende, enge Kundenbeziehung den Einstieg erheblich erleichtert, etwa über bestehende Wartungsverträge.

Infrastruktur und Kompetenzen

Darüber hinaus müssen Unternehmen für die erfolgreiche Integration von PaaS weitreichende Bedarfe in verschiedenen Bereichen decken, die von der physischen Infrastruktur über digitale Systeme bis hin zu organisatorischen Kompetenzen reichen. So müssen unter anderem Prozesse für Reverse Logistics und Rücknahmesysteme mitgedacht werden, um Produkte nach der Nutzungsphase effizient zurückzuführen. Zudem müssen Prüf-, Wartungs- und Aufbereitungskapazitäten aufgebaut werden, um zurückgenommenen Produkte angemessen prüfen und für die erneute Nutzung wiederaufbereiten zu können.

Schrittweiser Einstieg über Pilotprojekte

Als Einstieg müssen Unternehmen keinesfalls ihr gesamtes Produktportfolio auf einmal auf PaaS umstellen. Vielmehr sollte ein schrittweises Vorgehen verfolgt werden, bei dem ein einzelnes Produktsegment oder eine ausgewählte Pilotkundengruppe zunächst für ein PaaS-Angebot ausgewählt und getestet wird, während das bestehende Verkaufsgeschäft parallel weiterläuft. Da PaaS nicht für jedes Produkt geeignet ist, sollten Aspekte wie Produkteigenschaften und -komplexität, Lebenszyklus- und Nutzungsdaten, Kundenpräferenzen und Finanzierungsszenarios im Vorhinein analysiert und hinsichtlich der Eignung evaluiert werden. Hierbei kann auch das im nachfolgenden Abschnitt näher beschriebene Circular Business Model Canvas unterstützen. Anschließend lassen sich anhand der Pilotphase Erfahrungen mit der veränderten Kostenstruktur, der Rücknahme- und Wiederaufbereitungssysteme und der Kundenakzeptanz sammeln, bevor eine umfassendere Transformation angegangen wird.

Chancen

  • Stabile, wiederkehrende Erlösströme statt einmaliger Verkaufserlöse.
  • Langfristige Kundenbindung durch kontinuierliche Servicebeziehungen.
  • Direkter Anreiz für langlebige und reparaturfreundliche Produkte.
  • Bessere Vorbereitung auf Anforderungen wie den Digitalen Produktpass.
  • Differenzierung im B2B-Geschäft mit steigenden Nachhaltigkeitsanforderungen.

Herausforderungen

  • Einmalige Erlöse werden durch über festgelegte Zeiträume gestreckte Zahlungsströme ersetzt
  • Aufbau von Rücknahme, Wartung, Prüfung und Wiederaufbereitung.
  • Neuausrichtung der Produktentwicklung auf Langlebigkeit und Reparierbarkeit.
  • Digitale Infrastruktur für Nutzungserfassung und Abrechnung.
  • Rebound-Risiken, wenn Nutzung und Produktdesign nicht ressourcenschonend ausgerichtet sind.
Werkzeug

Circular Business Model Canvas

Workshop-Format für Teams

Das Circular Business Model Canvas erweitert das klassische Business Model Canvas um zirkuläre Leitfragen. Es hilft, Wertangebot, Ressourcen, Kundengruppen, Kosten, Erlöse und Partner systematisch aus einer Kreislaufperspektive zu betrachten.

Circular Business Model Canvas nach Ellen MacArthur Foundation, vereinfacht für den Workshop-Einstieg. Vorlage herunterladen

Schlüsselpartner

Beschreibt das Netzwerk aus Lieferanten, Kooperationspartnern und anderen externen Akteuren, auf die das Unternehmen angewiesen ist.

Schlüsselaktivitäten

Beschreibt die wichtigsten Tätigkeiten, die ein Unternehmen ausführen muss, um sein Wertangebot zu liefern, seine Kanäle zu betreiben und seine Kundenbeziehungen zu pflegen.

Schlüsselressourcen

Beschreibt die wichtigsten Vermögenswerte, die ein Unternehmen benötigt, um sein Geschäftsmodell zu betreiben.

Wertangebot

Beschreibt, welches Problem für Kund:innen gelöst oder welches Bedürfnis befriedigt wird und warum Kund:innen dieses Unternehmen gegenüber anderen bevorzugen sollten.

Kundenbeziehungen

Beschreibt die Art der Beziehung, die ein Unternehmen zu seinen Kundensegmenten aufbaut und pflegt. Die Beziehungsart beeinflusst maßgeblich Kundenbindung und Akquisitionskosten.

Kanäle

Beschreibt, wie das Unternehmen seine Kundensegmente erreicht und sein Wertangebot übermittelt. Kanäle können eigene (z. B. Außendienst, eigene Website) oder Fremdkanäle (z. B. Händler, Plattformen) sein.

Kundensegmente

Beschreibt, für wen das Unternehmen Wert schafft, also welche Gruppen von Personen oder Organisationen als Kund:innen angesprochen werden.

Kostenstruktur

Beschreibt alle wesentlichen Kosten, die beim Betrieb des Geschäftsmodells entstehen.

Einnahmequellen

Beschreibt, wie und wofür Kund:innen zahlen. Mögliche Formen sind einmalige Kaufpreise, wiederkehrende Abonnements, Lizenzgebühren, Provisionen oder nutzungsabhängige Vergütungen.

Transfer

Nächste Schritte für Unternehmen

  1. 1

    Bestandsaufnahme

    Analysieren Sie Produkte, Materialien, Kapazitäten und bestehende Servicebeziehungen.

  2. 2

    Pilotprojekt starten

    Wählen Sie ein geeignetes Produktsegment oder eine überschaubare Kundengruppe.

  3. 3

    Partnerschaften aufbauen

    Kooperieren Sie für Rücknahme, Aufbereitung, Daten, Logistik und Finanzierung.

  4. 4

    Kompetenzen entwickeln

    Schulen Sie Teams zu Kreislaufwirtschaft, Serviceprozessen und zirkulärem Design.

  5. 5

    Regulatorik nutzen

    Nutzen Sie Anforderungen wie Produktpass oder Right-to-Repair als Innovationsimpuls.

  6. 6

    Iterativ verbessern

    Werten Sie Kundendaten, Kostenstruktur und Rücklaufprozesse aus und passen Sie das Modell an.

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Vertiefung

Ausgewählte Quellen

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